Revolution in der Box


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Ursula Böhm

Offenburg
*1953 in Villingen - Schwenningen

Beate C. 1998
Glas bedruckt
17 x 13 x 2,5 cm

Beate C.  1998

BEATE C.

Bei der Arbeit "Beate C." ging es mir nicht darum, mich mit den eher wenigen herausragenden Frauen auseinander zusetzen. Mehr interessierten mich jene Frauen der Unterschicht, deren Biographie eher im Dunkeln ist. Eine dieser Frauen war Beate Calwer, um die es in meiner Arbeit geht. Sie und ihr Leben stehen für mich symbolisch für viele Frauen, welche in dieser Zeit im Unterschichtsmilieu gelebt haben. Der Lebensraum dieser Frauen war damals die Straße. Dort wurde nicht nur gearbeitet, sondern die Straße war auch Kommunikationsort und zugleich Nachrichtenbörse. Hier verbreiteten sich Gerüchte, aber auch lebenswichtige Informationen. Auch wurde gestritten, lautstark geschimpft und mit Provokationen wurden die Beschimpften aus dem "Haus gerufen".

Im politischen Protest des Vormärz und in den Revolutionsjahren gewann dieses Schimpfen und Insultieren eine politische Dimension. Das kollektive Herausrufen wurde zum gewalttätigen Ritual. Meist waren Frauen bei diesen Krawallen die Stimmungsmacherinnen. Auch Beate Calwer war an solchen Protesten beteiligt und wurde wegen verschiedener Delikte immer wieder verhaftet und verurteilt.

Ihr Lebenslauf ist, wie der vieler anderer Frauen, geprägt von der restriktiven Familien- und Armenpolitik des 19. Jahrhunderts. Am 17.01.1800 in Stuttgart geboren, stammte sie aus einer verarmten Handwerkerfamilie und hatte ohne Mitgift damals keine Aussicht auf eine standesgemäße Handwerkersheirat. Nach einem sehr bewegten Leben, stand sie 1847 wegen "fortgesetzter Handlung sich erlaubter Beleidigungen der Dienst-Ehre von Militärpersonen und Störung der öffentlichen Ruhe" vor Gericht.

Die Lebensgeschichte der Beate Calwer, ihre Sehnsüchte nach einem "ehrbaren" Leben, ihr Kampf ums tägliche Überleben und ihr zäher Widerstand hat mich sehr berührt. Ihr Leben ist nur über Gerichtsakten und Polizeiprotokolle bekannt. Ausschnitte aus diesen Protokollen habe ich auf eine Glasplatte gedruckt, bevor ich diese zerschlagen und die Scherben in die Box integriert habe.

Ursula Böhm